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Familie Engelmann in Bolivien

Ein Netzwerk wie unter den Amish

Es ist früh morgens am Flughafen von Santa Cruz. Ein großes Stimmengewirr begegnet uns bei der Gepäckausgabe. Wir versuchen, unsere Koffer zu finden und auf die Gepäckwägen zu packen. Wir sind noch total müde, denn wir konnten wenig im Flugzeug schlafen.

Aber nun sind wir bald wieder „zu Hause“. Und wenn wir mit unseren Kindern über „zu Hause“ sprechen, meinen wir schon San Ramón. Auch, wenn wir immer mal wieder unser „Zuhause“ in Deutschland, nämlich euch, vermissen.

Wir sind wieder zurück von drei Wochen Missionsausbildung an der Andrews Universität in Michigan (USA). Diese Schulung wird drei bis vier Mal jährlich vom Institut für Weltmission der Generalkonferenz durchgeführt. Die Ausbilder sind alle selbst schon jahrelang im Missionsfeld gewesen und haben uns viele ihrer großen und kleinen Erfahrungen erzählt. Wir durften dort viele andere Missionare kennenlernen, die auf den verschiedensten Kontinenten tätig sind.

Einerseits fiel mir auf, dass ich der einzige Missionar war, der aus Europa ausgesandt wurde. Andererseits gingen die meisten Missionare zu adventistischen Institutionen, die schon existierten. Nur noch ein anderer chinesischer Pastor aus Malaysia arbeitet in Melbourne (Australien), um dort eine Gemeinde unter der chinesischen Bevölkerung zu gründen. Was er mir erzählte, klang auch nicht sehr einfach ...

Im Unterricht hörten wir viel von Kulturen, Weltanschauungen und Kontextualisierung . Ich stellte etliche Fragen über Gemeindegründung und Gemeindeaufbau. Aber ich habe auch gemerkt, dass so gut wie keine Erfahrungswerte vorliegen, wenn es um die Arbeit mit Mennoniten geht. Ich habe das Gefühl, dass man bei der Weltmission in der Vergangenheit hauptsächlich darauf geachtet hat, Länder auf der Weltkarte mit dem Evangelium zu erreichen und dementsprechend die Bevölkerungsgruppen in den dazugehörigen Ländern damit in Kontakt zu bringen. Aber was macht man mit einer religiösen Gruppe, die kein eigenes Land hat und über die ganze Erde verstreut lebt? Diese Menschen fallen dann durch das Raster und man bemerkt es kaum. Wie gut, dass das deutschsprachige Feld und ihr das durch eure Unterstützung ändern wollt!

Der Vorteil an der Andrews Universität ist, dass man dort sehr gut Kontakte knüpfen kann. Es gibt auch einen Architektur-Studiengang. Da wir ja vorhaben, ein Gemeinde- und Schulgebäude zu bauen, habe ich die Architekten dort mal besucht. Interessanterweise haben sie gerade eine Gruppe von Studenten in Santa Cruz (Bolivien) zu einem Einsatz geschickt. Darüber hinaus haben sie mir signalisiert, dass sie uns möglicherweise auch mit ihren Fähigkeiten bei unserem Projekt unterstützen können. Es ist doch toll, wie Gott Menschen zusammenführt!

Da ich in der Vergangenheit bereits als Studentenmissionar mit Adventist Frontier Mission (AFM), eine adventistische Missionsgesellschaft, auf den Philippinen war, ist es für mich immer etwas Besonderes, den Hauptsitz zu besuchen. Er liegt unweit der Universität. Die Missionare dort haben sehr viel Erfahrung, wie man Gemeinden unter unerreichten Bevölkerungsgruppen gründet. Das ist die hauptsächliche Aufgabe der Organisation. Dort erhielt ich viele gute Ideen für unser Gemeinde- und Schulprojekt.

Einer der AFM-Leiter dort, Marc Coleman, erzählte mir von einer Gemeinde in Ohio (USA), deren Mitglieder ursprünglich einer Amish Kolonie angehörten und dann Adventisten wurden. Das interessierte mich natürlich sehr, da sich Amish und traditionelle Mennoniten in Bolivien sehr ähneln (kein Strom, kein Handy, kein Auto, hauptsächlich Landwirtschaft). Auch hier in Bolivien gibt es vereinzelt Amish. Man erkennt sie äußerlich daran, dass sie alle einen großen Bart tragen – was interessanterweise bei den Mennoniten so nicht gehandhabt wird. Ich hatte schon vor einiger Zeit mal auf Youtube ein Zeugnis von Andy Weaver, dem Leiter der Amish-Gemeinde, gehört. Zusätzlich fand in der ersten Woche unserer Missionsausbildung in Andrews auch ein Amish-Campmeeting in Ohio statt. Da wäre ich gerne dabei gewesen, aber wir waren mit dem Unterricht schon sehr beschäftigt und hatten in unserer gesamten Zeit dort nur ein freies Wochenende. An einem Donnerstag beim Mittagessen schlug uns Marc Coleman vor, er könnte uns am nächsten Tag für das Wochenende nach Ohio fahren. Das war zwar sehr spontan, aber unsere ursprünglichen Pläne für das Wochenende hatten sich vorher schon in Luft aufgelöst. Jetzt wussten wir, warum ... Marcs Eltern wohnen interessanterweise in der Nähe der Amish-Gemeinde und so war es für ihn ein Heimspiel. Wir waren natürlich sofort begeistert von der Idee, nachdem wir ja diese Menschen gerne kennenlernen wollten.

Nach der vierstündigen Fahrt nahm uns ein adventistisches Ehepaar für die Nacht auf, das vor zwölf Jahren mitten unter die Amish gezogen war. Hier in den USA leben die Amish teilweise recht gemischt mit der „Normalbevölkerung“ Haus an Haus. So hat es sich diese Familie zur Aufgabe gemacht, Freundschaften unter den Amish zu schließen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Es dauerte mindestens sechs Jahre, bis sich aus den alltäglichen Kontakten Glaubensgespräche ergaben. Auch hier waren, wie in Bolivien, die Menschen auf der Suche nach der Wahrheit.

Am Sabbat kamen ca. sieben bis acht ehemalige Amish-Familien zum Gottesdienst im kleinen Gemeindegebäude zusammen. Sie freuten sich sehr über den Besuch aus Deutschland, denn Deutsche hatten sie noch nie zu Besuch. Sie hatten mich gebeten, die Predigt zu halten, was ich gerne übernommen habe. Sie sprechen ein altes Deutsch (Pennsylvanian Dutch), was man noch etwas besser verstehen kann als das Plautdietsch aus Bolivien. Genau wie die Mennoniten benutzen sie die Lutherbibel in Hochdeutsch für ihren Gottesdienst und singen aus ihrem Liederbuch deutsche Lieder. Ihre Lieder sind bestimmt 300 Jahre alt; ich kannte kein einziges aus dem Liederbuch. Vielfach werden Psalmtexte als Grundlage für die Lieder verwendet. Die Amish singen die Lieder nur einstimmig und sehr laut. Nicht wirklich etwas für musikalische Ohren!

Das Hochdeutsch ist hier nur eine sakrale Sprache für den Gottesdienst. Als jemand von ihnen mal woanders eine gewöhnliche Nachrichtensendung in Hochdeutsch anhörte, war das für ihn wie eine Gotteslästerung. Die heilige deutsche Sprache für so etwas Gewöhnliches zu verwenden! So hatte ich meine Muttersprache noch nie gesehen! Vielleicht spricht man ja doch heiliges Deutsch im Himmel ...

Die Geschwister schätzten unseren Besuch sehr, auch die Predigt und den deutschen Liedbeitrag von uns. Wir hörten uns ihre Geschichten an. Jede war anders – und doch etwas ganz Besonderes. Sie berichteten uns auch von Anfragen aus anderen Kolonien. Am Ende sprachen wir noch gemeinsam ein Gebet und nahmen uns vor, in Kontakt zu bleiben. Diese Reise war für uns alles in allem ein besonderes Geschenk! Es zeigt uns auch, dass die Arbeit mit Mennoniten keine kurzfristige Aufgabe ist. Wir brauchen noch viele Gebete und offene Herzenstüren, bis hier ein adventistisches Netzwerk unter den Mennoniten entstehen kann. Aber ich sehe es schon vor Augen und mit Gottes Hilfe kommen wir dem ein Stück näher.

 

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Foto: Kindersabbatschule in der Amish-Gemeinde in Ohio (USA)

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Foto: Am Sabbatnachmittag erzählen wir von unserer Arbeit in Bolivien.

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Foto: Abschiednehmen nach einem gesegneten Miteinander

Caleb erzählte mir neulich am Morgen: „Ich habe heute davon geträumt, dass ich mit Jesus und den Engeln in den Himmel geflogen bin. Dort habe ich mit den Engeln Fangen gespielt. Das war ein schöner Traum!“ Du und ich glauben, dass es nicht bei einem Traum bleibt. Hilf uns dabei, Menschen hier in Bolivien diesen Traum zu verwirklichen. Danke für deine Unterstützung!

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Foto: Wir sind wieder bereit, zurück nach Bolivien zu gehen!

Gebetsanliegen:

  • Für den Dienst der Amish-Gemeinde in Ohio (USA)
  • Ein Hunger nach Gottes Wahrheit in den Mennonitenkolonien
  • Dass der Heilige Geist hier machtvoll durch uns wirkt
  • Dass unser Container mit all unseren Sachen gut durch den Zoll in Bolivien kommt
  • Und ganz viel Weisheit von oben für die großen und kleinen Entscheidungen